Bilder & Berichte

Erinnerungen, Meilensteine und Eindrücke aus über 20 Jahren gemeinsamer Selbsthilfe in Marl.

Mediennutzung – Vortragsabend mit Christof Sievers
April 2026

„Wenn das Pflaster die Wunde nicht mehr deckt."

Vortragsabend mit Christof Sievers (Dipl.-Sozialarbeiter, Prophylaxe) von der Drogenberatung Westvest zeigt: Sucht ist heute viel mehr als Alkohol oder Drogen – sie beginnt im Smartphone, im Belohnungssystem des Gehirns und in der ständigen Reizüberflutung des Alltags.

Marl, 28. April 2026. Rund um die Themen Medienkonsum, Glücksspiel, soziale Netzwerke und Drogen drehte sich der Vortragsabend, zu dem die ADHS-Selbsthilfegruppe Marl eingeladen hatte. Als Referent konnte Christof Sievers gewonnen werden, Dipl.-Sozialarbeiter im Bereich Prophylaxe bei der Drogenberatung Westvest, die mit Sitz in Marl für die Städte Dorsten, Gladbeck, Haltern am See und Marl zuständig ist. Sievers stellte klar: Wer heute über Sucht spricht, kommt an Smartphones, Spielmechaniken und gesellschaftlichem Druck nicht vorbei. Rund 60 Teilnehmende waren der Einladung gefolgt, der Abend löste eine intensive Diskussion aus.

Mehr Möglichkeiten, mehr Überforderung

Sievers beschrieb einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel: Wo früher Strukturen und Regeln Halt gaben, bestimmten heute Auswahl, Reize und permanente Erreichbarkeit den Alltag. Vor allem Jugendliche täten sich schwer, Orientierung zu finden – und fühlten sich trotz dauernder Vernetzung oft einsam. Konsum und Leistung werden in einer solchen Umgebung schnell zu Ersatzhandlungen für innere Leere.

Likes, Coins, Ranglisten: Wie das Belohnungssystem gekapert wird

Einen großen Teil des Abends widmete Sievers den Mechanismen hinter Apps, Spielen und Glücksspielangeboten. Punkte, Coins, Likes und Ranglisten aktivierten gezielt das Belohnungssystem im Gehirn. Junge Menschen seien dafür besonders empfänglich. Werbung und große Konzerne verstärkten den Effekt, indem sie Produkte mit Anerkennung, Erfolg und Zugehörigkeit verknüpften. Eine zentrale Folge: Langeweile und Ruhe würden kaum noch ausgehalten – jeder freie Moment werde sofort mit Konsum oder Unterhaltung gefüllt.

Sucht beginnt schleichend – und nicht nur bei Drogen

Sucht ist nach Sievers' Worten kein Problem einzelner Substanzen, sondern eines, das auch Medien, Glücksspiel und Konsum umfasst. Stress, Einsamkeit, fehlende Perspektiven und nicht erkannte psychische Belastungen wie ADHS, Depressionen oder Angststörungen schaffen einen Nährboden, auf dem sich Abhängigkeiten oft unbemerkt entwickeln. Süchte dienten dabei häufig als kurzfristiges Mittel, unangenehme Gefühle zu verdrängen.

Die falsche Front: Nicht Gewalt, sondern Dopamin

Ein Punkt, der in der anschließenden Diskussion besonders nachhallte: Die gesellschaftliche Debatte richtet sich seit Jahren gegen sogenannte „Killerspiele" wie Ego-Shooter und Fortnite – aus Sorge, exzessives Spielen mache aggressiv. Aus der Praxis heraus zeichnete sich am Vortragsabend ein anderes Bild ab. Das eigentliche Problem ist nicht der Inhalt der Spiele, sondern ihre Belohnungsstruktur. Es sind die Mechaniken, die rund um die Uhr Dopamin-Kicks ausschütten, mit denen Kinder und Jugendliche in eine Abhängigkeit geraten. Wer Prävention ernst meint, kämpft also gegen die richtige Front – gegen Spiele, die das Belohnungssystem systematisch ausnutzen, nicht gegen Spiele, in denen geschossen wird.

Jugendliche unter Dauerstrom

Sozialer Vergleich über Instagram und TikTok, Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und diffuse Zukunftsangst setzen Jugendliche heute unter enormen Druck. Sievers nannte als typische Folgen Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, emotionale Instabilität sowie Rückzug oder exzessiven Medienkonsum. Besonders der Schlaf wirke sich unmittelbar auf Stimmung und psychische Gesundheit aus – und werde durch nächtliche Bildschirmzeit massiv beeinträchtigt.

Prävention heißt Beziehung, nicht Verbot

Reine Verbote reichten nicht, betonte Sievers. Was Familien, Schulen und Freundeskreise leisten könnten, sei viel mehr: Aufklärung, ehrliche Gespräche, stabile Beziehungen, sinnvolle Freizeitgestaltung – und das bewusste Aushalten von Langeweile. Hilfe anzunehmen sei kein Zeichen von Schwäche, sondern eine zentrale Voraussetzung dafür, gar nicht erst in problematische Bewältigungsstrategien zu rutschen.

Stimmen aus der Selbsthilfegruppe

„Ich habe schon viele Vorträge über soziale Medien und wie schlecht sie sind gehört. Der Ansatz, das Ganze aus dem Blickwinkel einer Drogensucht zu betrachten, war für mich völlig neu – ebenso die klare Abgrenzung zwischen meinen frühkindlichen Fernseh-Erfahrungen und der Schlagkraft heutiger Computerspiele. Es zeigt mir: Ich habe bisher versucht, mit einem Pflaster eine offene Wunde zu versorgen."
„Meine Kinder rasten nicht aus, weil sie Headshots geben müssen, sondern weil sie 24/7 Dopamin-Kicks bekommen. Wir kämpfen seit Jahren gegen die falsche Front – nicht Tötungsspiele sind das Problem, sondern Spiele, die Belohnung so massiv in den Vordergrund stellen, dass Kinder davon abhängig werden."
— M. H., Selbsthilfegruppe Marl

Fazit des Abends

Der Vortrag machte deutlich, wie eng Sucht mit gesellschaftlichen Entwicklungen, Stress, Medienkonsum und psychischer Belastung verflochten ist. Christof Sievers appellierte an Eltern, Lehrkräfte und Erwachsene insgesamt, bewusster mit den eigenen Medien- und Konsumgewohnheiten umzugehen und Jugendlichen Orientierung, Gemeinschaft und emotionale Unterstützung zu geben. Die ADHS-Selbsthilfegruppe Marl bedankt sich beim Referenten für einen Abend, der vielen Teilnehmenden eine neue Perspektive auf vermeintlich vertraute Themen eröffnet hat.

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Beratung & Prophylaxe für Dorsten, Gladbeck, Haltern und Marl.

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